EINE WANDERUNG DURCH DEN GEIST



Mit einem mehr als beachtlichen zweiten Album überzeugten diese portugiesischen Progressive Metal Feinschmecker, das düstere und jederzeit virtuose, aber auch eigensinnige Kunstwerk raubte mir fast den Atem vor Begeisterung. Sullen sollte man deshalb unbedingt zu den Geheimtipps des Genres zählen, was natürlich meine Neugierde für dieses südeuropäische Kollektiv weckte, um dem Ganzen ein paar mehr Details zu entlocken. Sänger David Pais, Bassist Ricardo Pinto und Schlagwerker Marcelo Aires standen mir für ein umfangreiches Gespräch sehr gern zur Verfügung.

Mit dem großartigen „Nodus Tollens -Act I:Oblivion“ konntet ihr die gute Arbeit von eurem Debut „Post Human“ absolut bestätigen. Wie zufrieden bist Du mit dem Resultat?

David Pais
: Ich glaube, wir sind alle sehr stolz auf das, was wir als Kollektiv erreicht haben. Das neue Album ist ein Schritt vorwärts auf unserer musikalischen Reise, und wir haben sehr viel dafür investiert, dass „Nodus Tollens“ zu diesem gelungenen Ergebnis geworden ist. Alles daran wurde akribisch auf einem sehr hohen Standard gebracht, den wir uns selbst auferlegt hatten. Wir könnten alle nicht glücklicher darüber sein.

Was haben die Mitglieder von Sullen vor der Bandgründung gemacht? Im Übrigen war es schwer die richtigen Musiker für Sullen zu finden?

David Pais: Ich selbst singe auch in anderen Bands. Ich habe mit Ashes angefangen, dann habe ich mich ein paar weiteren Bands angeschlossen. Auch habe ich die Zeit damit verbracht Songs für mein Soloprojekt The 9th Cell zu komponieren und produzieren. Ich habe auch Soundtracks erstellt für Kurzfilme und von Zeit zu Zeit auch Texte verfasst für verschiedene Institutionen und Unternehmen.

Marcelo Aires: Sullen entstand nach der Auflösung eines früheren Projekts namens Oblique Rain, im Jahr 2013 - die Mehrheit unseres Kollektivs blieb dabei intakt, dann suchten wir zwei weitere Mitglieder für Sullen. Nach einer kleinen Pause bei den Live-Auftritten und einigen Besetzungswechseln hatten wir endlich die richtige Konstellation gefunden. Ich persönlich denke, dass es nicht so schwierig war, die richtigen Musiker zu finden, da ich bereits mit ihnen gearbeitet hatte und wusste, wozu sie fähig waren - wir mussten nur unsere Zeitpläne ausarbeiten, da wir in unseren Zielen bzw. Vorstellungen schon übereinstimmten. Dem kam zugute, dass ich schon mit den verschiedensten professionellen Musikern zusammen gearbeitet hatte.

Wie lang für gewöhnlich schreibt ihr an einem Sullen Song, ich stelle es mir schon sehr zeitaufwendig vor, denn die Gestaltung der Songs ist sehr vielseitig und voller Wendungen.

Marcelo Aires:
  Es kommt sicher darauf an, ich werde hier für mich selbst sprechen, da ich fast alles auf dem aktuellen Album komponiert habe. Strukturell kann ich in wenigen Tagen ein Lied fertig haben, aber ich lasse es darauf erst einmal einige Tage auf mich wirken. Darauf beleuchte ich die jeweiligen Instrumentalabteilungen nochmals. Persönlich lasse ich mich von Kunst und der Welt um mich herum inspirieren, das Fundament unserer Musik kann man somit als sehr organisch beschreiben.

Welche Aspekte seid ihr auf dem zweiten Album bewusst anders angegangen, was sind Dinge, die eine deutliche Weiterentwicklung in eurer Arbeit bei Sullen darstellte. Immerhin waren seit dem ersten Album gut 5 Jahre vergangen, inwiefern hatte es Einfluss auf die Entstehung des Nachfolgers? Was ist anders geworden?

David Pais:
Wenn wir auf die erste Platte zurückblicken und sie miteinander vergleichen, dann erkennt man im Sound vor allem eine deutliche Weiterentwicklung. Diese neue Platte lebt von einer dichten, düsteren Atmosphäre, aber wir haben dort auch eine deutliche musikalische Entwicklung vorangetrieben, sowohl klanglich als auch konzeptionell. Dennoch wirkt sie mürrisch und anspruchsvoll. Ich denke es ist sehr wichtig zurückzublicken und auch von dort positive Merkmale mitzunehmen. Unser gemeinsamer Weg als Band möchte ich als sehr positiv bewerten. Unser Verständnis für Gegenwart fühlt sich positiv und klar an, der aber auch zukunftsorientiert ist. Das ist uns sehr wichtig.

Der hohe musikalische Anspruch, die elegante Herangehensweise kann man sehr deutlich schon als virtuos beschreiben, was treibt euch dabei an. Gibt es vor dem Entstehen eines Albums dahingehend Überlegungen in welche Richtung sich es am Ende entwickeln soll?

Marcelo Aires:
Wie ich bereits sagte, setzt sich die Inspiration für Sullens Musik aus vielen verschiedenen Faktoren zusammen. Daher tendieren wir dazu, in Bezug auf Konzepte mit dem Fluss zu gehen - wir gestalten unsere Vision basierend aus allen Lebensbereichen, Erfahrungen mit all ihren Gegensätzen, und dann versuchen wir diese Sichtweisen zu erklären. Dies kann uns dann auf viele verschiedene Wege führen, aber wir richten uns dabei völlig nach unserem Gefühl. Wir haben hohe Standards als Künstler, wir geben stets unser Bestes, um das Exquisiteste herauszuholen. Manchmal ist unsere Musik ziemlich komplex, manchmal aber auch sehr eingängig und einfach gestrickt, aber es soll dabei immer natürlich klingen, nie aufdringlich oder überladen.

Sehr beeindruckt darf man auch von dem sehr ansprechenden Artwork sein, das einen hohen künstlerischen Aspekt und Anspruch in sich trägt. Gestaltet wurde es von J. D. Doria, wie seid ihr mit ihm in Kontakt gekommen und was hat euch besonders daran begeistert? Immerhin habt ihr seine Arbeit auch für das Debut verwendet.

Marcelo Aires:
Wir fanden JDs Arbeit durch Behance, nahmen Kontakt mit ihm auf und seitdem entwickelte sich eine sehr organische, künstlerische Beziehung zwischen uns. Seine Herangehensweise ist sehr abstrakt, unserer künstlerischen Art sehr ähnlich. Es macht alles Sinn, wenn man es mit der Musik von Sullen verknüpft. Die kreative Seite möchten wir daher dem Zuhörer überlassen, wenn sie über ein Bild oder eben jene Musik beginnen nachzudenken bzw. dabei auf Entdeckungsreise gehen.

Als ihr Sullen gegründet hattet, was war die erste Idee, was wolltet ihr dabei kreieren. Welchen besonderen progressiven Metal. Was sind eigentlich die besonders eigenständigsten Aspekte in eurem Sound. Was würdest du als größten musikalischen Einfluss beschreiben?

Marcelo Aires:
Wie unser Name schon sagt, wollten wir Musik schaffen, die sehr düster und tiefgründig ist. Wir wollten dem Hörer das Gefühl geben, etwas zu haben, das nicht wirklich hell oder dunkel ist. Irgendwie einfach wie das Leben selbst, auf eine ungeschönte Art. Der progressive Ansatz kommt nur als organische Art, es auszudrücken, da es uns alle musikalischen Möglichkeiten gibt, die wir brauchen, um eine vielseitige Erfahrung zu ermöglichen. Wir versuchen auch, unsere Musik so unberührt wie möglich zu halten, verzichten dabei auf Sampling oder ähnliche Experimente.

Ihr bezeichnet euch selbst als musikalisches Kollektiv, was sind die Besonderen Persönlichkeiten, die zu dieser Bezeichnung führen?

David Pais:
Jedes Mitglied dieses Kollektivs ist ein solider Musiker für sich, mit einer starken musikalischen Identität und das ist sehr interessant, da sich unsere unterschiedlichen Geschmäcker und Erfahrungen dabei völlig vermischen. Ich würde sagen, dass wir alle sehr kreativ sind und sehr sensibel mit den jeweiligen Charakteren in der Band umgehen, dabei den zwischenmenschlichen Aspekt auch sehr wertschätzen. Dadurch eröffnet sich ein wirklich unerschöpflicher Fundus an tollen Ideen für neue Songs.

Nodus Tollen“ trumpft auch wieder mit einer sehr professionellen Produktion auf, wie würdest du den Verlauf der Aufnahmen beschreiben. Was sind Dinge, die ihr besonders im Studio ausgebessert habt? Wer hat euch dabei unterstützt?

Ricardo Pinto:
Vielen Dank! Als Mixing-Ingenieur dieser Platte würde ich sagen, dass wir uns darauf konzentriert haben eine klare Linie beizubehalten, ohne die Kontrolle dabei zu verlieren. Es gibt viele Ebenen von Gesang, Keyboards und Soundeffekte auf fast jedem Track, daher war es sicher eine Herausforderung. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass die meisten dieser Ebenen später im Prozess eingefügt wurden, nachdem ich Schlagzeug, Bass und Gitarren gemischt hatte. Insgesamt wollten wir, dass dieser erste Akt überwältigend wird. Eine fesselnde und unversöhnliche Klangerfahrung, die die emotionalen Turbulenzen widerspiegeln würde, die man in den Lyrics findet. 

Ihr beschreibt Sullen ist für euch wie eine musikalische Reise, welche Orte begegnet man auf dieser Reise?

David Pais:
Ich empfinde Sullen als eine sehr introspektive Reise, auf der man durch viele verschiedene Geisteszustände und Philosophien wandern kann. Eines unserer Ziele ist es, einen Soundtrack für unsere dunkelsten Gefühle und Gedanken zu liefern, während gleichzeitig Licht und Hoffnung möglich ist, für jene die sich gerade noch sich in der Dunkelheit gefangen fühlen. Ich glaube Sullen`s musikalische Reise liegt in der Balance all dessen.

Apropos Reisen, welche Länder hast du durch Reisen besonders schätzen gelernt und wo würdest du am liebsten recht bald wieder verweilen?

Marcelo Aires:
Ich genieße die skandinavischen Landschaften sehr und konnte erstaunliche Eindrücke dort sammeln, insbesondere beeindruckte mich Finnland. Während der Tourneen habe ich dort sehr gerne gespielt. Auch begeisterten mich die Erkundungstouren in Ost- und Mitteleuropa - ich kann es kaum erwarten, wieder dorthin zurückzukehren, viele tolle Erinnerungen sind bis heute prägend.

Ihr habt euch auf „Nodus Tollen...“ ausführlich mit dem Thema des Neologismus von John Koenig befasst, was hat daran euer Interesse geweckt? Was interessiert euch an diesen philosophischen Themen?

David Pais:
Es war sehr interessant, John Koenigs Neologismus zu behandeln, da er unsere Denkweise sehr klar widerspiegelt. Als wir die lyrischen Konzepte für diese Platte geschrieben haben, hielten wir es für eine großartige Idee beides miteinander zu verschmelzen. Die Songs vereinen sich durch eine zusammenhängende Erzählung. Es geht dabei um eine Person, die den Sinn über sein Leben verliert, abschweift von seinem eigenen Lebenszweck. Sein Dasein aus seinen Händen gleitet. Ich persönlich liebe es, mich mit dem Thema Mensch zu befassen. Wir sind sehr komplex und es gibt eine angeborene Tiefe für Jeden von uns als Spezies. Dieses zu erforschen, fasziniert mich sehr. Es ist kathartisch über diese Reise zu schreiben, von Verlust und Auferstehung.

Würdet ihr Progressive Metal als die ausdruckstärkste musikalische Form von Musik beschreiben, Gefühle und Emotionen auszuleben, auf einem hochwertigen musikalischen Niveau?

Ricardo Pinto
: Für mich ist sie ziemlich sicher die schwerste Form der Metal-Musik. Ich sehe sie aber nicht als die Bedeutendste. Jede Form von Musik, solange Sie aus tiefstem Herzen kommt, ist auf ihre Art besonders und wichtig. 

Man kann sagen, dass ihr auf dem aktuellen Langspieler deutlich düsterer klingt, wie sehr beeinflusste euch die Corona Pandemie dabei und bestärkte diese Entwicklung?

David Pais:
Seltsamerweise war dies nicht der Fall. Alle Texte und Lieder wurden vor der Pandemie geschrieben. Aber ich stimme dir zu, es ist ein trauriger, wenngleich auch willkommener Zufall. Denn es könnte sehr wohl auch jemanden beschreiben der die Richtung seines Lebens durch Isolation und Depression verloren hat. Es braucht seine Zeit alle verschiedenen Aspekte zu begreifen, die emotionalen Turbulenzen zu ordnen und seine eigene Welt wieder aufzubauen. Wieder seinen Platz in der Realität zu finden.

Einen hohen Wert legt ihr auch auf eine breit gefächerte musikalische Darbietung. So finden sich zwischen Power Metal, Modern und klassischen Progressive die verschiedensten Stilprägungen anspruchsvoller, harter Musik darin wieder. Was hört ihr eigentlich privat am liebsten?

Ricardo Pinto:
Diese Woche habe ich Slipknot, Sting, John Coltrane, Wheel, Keith Jarrett, Klone und gehört. Aber ich mag auch Billie Holiday, Dvořák, Lhasa de Sela, Pink Floyd, Radiohead, John Mayer, Mastodon, Kurt Rosenwinkel, Porcupine Tree usw.

David Pais: Seltsamerweise bin ich bei aktuellen Metalalben nicht so auf dem Laufenden. Heutzutage habe ich eine große Liebe und Ehrfurcht für Skynd entwickelt, daher bin ich seit einigen Jahren süchtig nach ihrer Musik. Sonst beschäftigen mich Sounds wie Korn, Porcupine Tree, Devin Townsend, Tool, Dream Theater, Björk, Tom Waits. Meine musikalische Spannweite rundet sich mit Massive Attack, Opeth, Sepultura, Mohn, Billie Eilish, Elliot Goldenthal und so viele andere ab. Ich war auch sehr fasziniert von Jonathan Davis und der neuesten Soloaufnahme. Ich liebe es.

Marcelo Aires: Viele verschiedene Sachen, von modernem Jazz bis zu Progressive Metal, Kammermusik und Orchester Musik, viel Elektronik, Soundtracks, wie man es auch nennen mag. In letzter Zeit habe ich Wheel`s neues Album sehr genossen, einige Sachen von Mats & Morgan und auch die neuesten Veröffentlichungen von Anomalie.

Ein paar abschließende Worte von Dir, Pläne und Wünsche?

Ricardo Pinto:
Ich kann es kaum erwarten, wieder vor einem Live-Publikum zu spielen!

David Pais: Ich hoffe, dass ich um die Welt touren kann, aber ich hoffe ehrlich, dass alle in Sicherheit bleiben und man sollte nicht jene vergessen die einsam und bei den die Isolation sehr langsam unter die Haut kriecht, und emotionale Veränderungen hervorruft. Dabei vergesst nicht, niemand ist allein, jeder ist es wert geliebt zu werden.

Marcelo Aires: Ich wünsche mir nur, dass die Welt ihr Gleichgewicht wieder findet, und wir unser Leben wieder ohne Barrieren genießen können. Die Kultur hat sehr unter dieser schrecklichen Pandemie gelitten, sie muss langsam lernen zu atmen. Unterstützt daher die Kunst & Kultur, unterstütze die Menschen, die ihr ganzes Leben diesem Handwerk widmen, es ist wirklich sehr bedeutend für uns alle!

Ein großes Dankeschön an Sullen für dieses aufschlußreiche und höchst interessante Interview. Alles erdenklich Gute von meiner Seite und die Hoffnung zu haben, alsbald mal ein Livekonzert von dieser großartigen portugiesischen Band zu besuchen.


TIMO

Interviewpartner:
David Pais (Gesang)
Ricardo Pinto (Bass)
Marcelo Aires (Drums & Keys)


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